Gescheitert?

Vor ungefähr einem Monat hatte ich in einem kleinen Beitrag auf die (nicht nur) meiner Meinung nach große Wichtigkeit der Online-Petition gegen Internetsperren hingewiesen. 134015 Menschen zeichneten die Petition, die höchste Teilnehmerzahl seit Bestehen dieser Partizipationsmöglichkeit. Dennoch wurde der Gesetzentwurf vom Bundestag genemigt.
Wie dämlich und ignorant kann man denn bitte sein?
Für mich wird an diesem Beispiel mehr als deutlich, wie verkrustet unsere politische Entscheidungsriege tatsächlich ist, wie weit entfernt von mir, meinem Alltag und sicher auch vielen anderen Leuten aus meiner Generation. “Deutschland degeneriert in ein Entwicklungsland” lautet der zweite Teil eines Artikels den ich euch nur ans Herz legen kann.
Damit diese ganze Farce nicht im Sande verläuft, hier noch ein paar Zitate und Reaktionen auf das Scheitern der Petition. Verzeiht mir den Hang zur Polemik, ich kann ihn mir in diesem Zusammenhang echt nicht verkneifen:
“Ihre schmierigen, schmutzigen Tricks und Taktiken werden hier innerhalb von Minuten publik gemacht, für jedermann zugänglich. Das reicht wahrscheinlich noch nicht, um die diesjährige Bundestagswahl zu beeinflussen und vier weitere Jahre voller Bullshit stehen uns ziemlich sicher bevor. Aber wie der Wahlkampf von Barack Obama zeigte, der es schaffte, über das Netz eine Graswurzelbewegung zu starten, die ihm die Werbespots finanzierte, die ihm zum Wahlerfolg verhalfen, wird auch diese Entwicklung auch hier stattfinden. Und dann gnade Ihnen Gott.” nerdcore
“Die Art und Weise, wie in diesem Fall von Befürwortern der Sperren argumentiert wurde, wie immer drastischere Bilder von Verbrechen gezeichnet wurden, um den Eindruck zu erwecken, das Medium Internet sei allein für die Darstellung solcher Verbrechen erfunden worden und gar Schuld am Entstehen von Gewalttaten anstelle der tatsächlichen Täter; die perfide Rhetorik um den angeblich „rechtsfreien Raum“ Internet und das konstante Verdrehen von Tatsachen ist in meinen Augen ein weiterer Akt des Missbrauchs von Opfern, den ich den Akteuren in diesem fiesen Spiel vorwerfe.” spreeblick
“Es bleibt bemerkenswert wie moderat die mediale Empörung angesichts der Ungeheuerlichkeit ausgefallen ist. Zum Vergleich: man stelle sich das mediale Echo bei einem vergleichbaren Gesetz, das Printmedien, TV und Hörfunk oder die Post potentiell auf diese Weise beschneiden würde. Der Aufschrei wäre ungleich größer geworden. Ein so dilettantes Vorgehen wäre nicht tragbar gewesen. Von der Leyen wäre längst zurückgetreten.” netzwertig
Die Befürchtungen, dass ein derartiges Zensurinstrument für anderweitige Interessen eingesetzt werden könnte, hat sich schneller bewahrheitet als man “Bundeskriminalamt” sagen kann:
- Kölner Stadt-Anzeiger: Auch Killerspiele sperren
- CDU-Politiker prüft Websperren für Gewaltspiele “ernsthaft”
- Zypries schließt Ausweitung der Netzsperren nicht aus
Na dann mal Prost.
Schon 1 mal Latscho!
6 Kommentare - abonnieren oder Kommentar schreiben
sad, sad, sad!
rache ist ein gericht, das man am besten kalt serviert. in shah allah.
um 22:30 Uhr am 23.06.`09
Top Spruch Matze – muss ich mir merken ; gerade die englische Version hier von einem Freund gehoert, dem ich das Ding versucht habe zu uebersetzen: vengence is a dish best served cold.
um 22:47 Uhr am 23.06.`09
Eine eventuell charmante (so richtig kapiert hab ich die Geschichte nicht) Gegenaktion hab ich hier gesehen:
http://www.uberwach.de
Wenn ich es richtig verstanden hab, bieten die ein Applet an, das man sich in seine Webseite einbinden kann und das mittels entsprechend gepflegter IP-Listen sämtliche Zugriffe von Rechnern aus öffentlichen Institutionen, Parteizentralen, Ministerien etc. protokolliert und in entsprechenden Statistiken öffentlich macht.
Der User an solch einem Partei- / Ministeriums- / … / Rechner bekommt beim Besuch einer teilnehmenden Seite ein rotes Banner eingeblendet – mit dem Hinweis, dass sein Besuch protokolliert wurde.
Aber ehrlich gesagt versteh ich in weiten Teilen nur Bahnhof und wie clever oder nichtig die Aktion ist, überblick ich auch nicht.
Come on Artur, help me out now!
um 14:50 Uhr am 25.06.`09
Unabhängig davon, ob die oben erwähnte Petition sinnvoll ist, oder nicht:
gibt es ein Leben ohne Zensur? Ist ein Leben ohne Zensur sinnvoll?
Dazu ein interessanter Artikel, der zum kritischen Denken anregt:
http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,633181,00.html
um 10:42 Uhr am 30.06.`09
Das ist tatsächlich ein sehr interessanter Artikel, weil diese Geschichte sehr stark unser moralisches Empfinden auf den Plan ruft, unsere Empathie für den Entführten zum Vorschein bringt.
Sollte man wirklich das Leben eines Menschen auf Spiel setzen, nur um den Prinzipien einiger Netzaktivisten zu entsprechen?
Für meinen Geschmack enthält der Bericht zu viele “wahrscheinlichs” und “womöglichs” und viel zu wenig Informationen über die konkreten Fakten dieser Entführung und der Flucht. “Es ist möglich, dass Rohde noch lebt, weil niemand seine Entführung an die große Glocke hängte.”
Ja, das ist möglich. Es ist aber auch möglich, dass die Selbstzensur gar keinen Einfluss auf die Situation des Entführten gehabt hätte. Zensursysteme werden dagegen fast immer dazu verwendet, subjektive Interessen zu verfolgen, von denen nicht automatisch angenommen werden kann, dass diese auch im Sinne der Allgemeinheit sind, ganz im Gegenteil. Im Falle von Rohdes Entführung war dies ausnahmsweise der Fall.
Der Gedanke einer verantwortungsvollen Verwaltung des Informationsflusses durch unsere “Gatekeeper” ist meiner Ansicht nach eine Wunschvorstellung, ein Trugbild, das natürlich gerne von der Presse als Daseinsberechtigung hergenommen wird. Da kommt ein Fall wie diese Entführungsgeschichte gerade recht.
Aber wie wir alle wissen bestätigen Ausnahmen die Regel.
Am meisten allerdings stoßen mir diese beiden Sätze auf: “Redaktionen diskutieren über solche Dinge, seit es Redaktionen gibt. Dort aber fällt am Ende eine Entscheidung, die im Idealfall nicht nach draußen dringt.”
Im Idealfall. Genau so sieht´s aus.
um 13:07 Uhr am 30.06.`09
mir ist nochwas eingefallen, was ich vor einiger Zeit mal gelesen habe. Und zwar geht es dabei um einen Artikel bzw. ein Interview mit Sloterdijk zum Thema Doping im Radsport. Interessant finde ich dabei folgende Passage:
SPIEGEL: In Italien und Spanien hält man nicht viel vom deutschen Anti-Doping-Kampf.
Sloterdijk: Dort gehört die katholische Tradition der fröhlichen Selbstzerstörung zur Volkskultur. Die Italiener können es einfach nicht fassen, dass da oben im Norden schon wieder protestantische Barbaren ihr Unwesen treiben. Die glauben im Ernst, wir sind verrückt geworden. Doch Italiener und Spanier sind Angehörige einer Kultur, in der die Abspaltung des Scheins vom Sein zur populären Metaphysik gehört. Die Deutschen, speziell die protestantischen, wollen dagegen die Wörter und die Dinge wieder zur Deckung bringen. Wir sind, glaube ich, die einzige Nation auf der Welt, wo man an ehrliche Neuanfänge glaubt. Wir bleiben unberechenbar, 1945 wurden wir demokratisch, 2007 dopingfrei.
Ich denke, dass kulturelle Unterschiede oft auch einen Einfluß auf die Bewertung bzw. Wahrnehmung von Wahrheit haben. Interessant dürfte daher die Zukunft sein, denn durch die Weltweite Verfügbarkeit von Internet werden solche Grenzen natürlich leichter durchbrochen.
Der gesamte Artikel unter:
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,564072-2,00.html
um 13:36 Uhr am 03.07.`09
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