header

3 Kommentare - abonnieren oder Kommentar schreiben

  1. GravatarArtur

    Steve Jobs arbeitet seit seiner Rückkehr zu Apple an etwas, das Walter Benjamin in seinem Aufsatz “Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit” als “(…) besondere, einem Kunstwerk und einer lebendigen Person eigene(n) Ausstrahlung (…)” beschreibt und als “Aura” bezeichnet.

    Im Gegensatz zu Arbeiten, die auf technischem Wege reproduziert wurden (z.b. Filme), sind auratische Werke an einen singulären Ort gebunden und in rituelle Vorgänge eingebettet. Das Werk ist nicht jederzeit und für jedermann zugänglich, sondern Gegenstand einer gesteuerten Verknappung, die dem Betrachter die Möglichkeit einer kontemplativen Auseinandersetzung ermöglicht. Die Präsentaton von Kunstwerken im musealen Raum ist ein gutes Beispiel für eine solche künstlich gesteuerte Verknappung, die Wurzeln reichen jedoch weit in religiöse Praktiken zurück. Heiligenbilder oder Reliquien wurden z.b. oft nur zu bestimmten Feierlichkeiten und in fest vorgegebenen Ritualen der Öffentlichkeit präsentiert und erst dadurch “anbetungswürdig”.

    Walter Benjamin sah, bedingt durch die neuen technischen Reproduktionsmöglichkeiten, die zunehmende Auflösung dieser “Aura” und als Folge hiervon die Entstehung eines Vakuums, von dem er befürchtete, dass es durch andere ideologische Inhalte gefüllt wurde. Seine Befürchtung war, historisch betrachtet nicht ganz unberechtigt. Der Aufsatz stammt aus dem Jahre 1936.

    Steve Jobs hat erkannt, dass dieses Vakuum nach wie vor besteht (der Trend einer neu aufkeimenden religiösität bestätigt dies) und arbeitet seither an dessen Ausfüllung. Er machte Apple-Produkte rar aber nicht unerreichbar. Er etabliert in regelmäßigen Abständen KeyNotes -- rituelle Enthüllungen, die mit herkömmlichen Produktpräsentationen nur noch wenig gemein haben. Im Gegensatz zu anderen Herstellern werden neue Produkte IMMER ZUERST auf diesen Veranstaltungen präsentiert und nehmen erst danach den üblichen Weg über Pressemeldungen, Websites und Kataloge. Die Veranstaltung selbst wird damit unmittelbar und einzigartig, selbst wenn die enthüllten Produkte später für jedermann verfügbar sind.

    Die These einer Art “Apple-Religion” halte ich für durchaus akzeptabel und vielleicht ist Apples Rolle hier tatsächlich die einer radikalen Sekte. Eine technische Neuerfindung der Welt kann ich hier allerdings nicht entdecken. Apple ist, im Gegensatz zu Google oder P2P-Vorreitern wie Napster, wahrlich kein Wegbereiter eines neuen Informationszeitalters. Viel zu stark orientiert man sich bei Design und Funktionen aller Produkte seit je her an bewährten Strukturen, Symbolen und Metaphern, Desktop, Fenster, Papierkorb und Drag&Drop sind nur einige Beispiele. Apples Stärke liegt in erster Linie in der Übersetzung innovativer Entwicklungen Dritter (die “Coverflow”-darstellung wurde beispielsweise nicht von Apple entwickelt, sondern eingekauft) in eine möglichst allgemeinverständliche “Sprache” und sein Schwert ist das Design. Ähnliche Formen solcher Abstraktionen findet man sicher auch in der Religion.

    Allerdings kann ich überhaupt keinen Zusammenhang zwischen der Finanzkrise und einem “Glauben an eine technische Neuerfindung der Welt” entdecken. Intransparente Finanzspekulationen sind wohl eher eine Spielart der “alten Welt” und nicht einmal Apple agiert derart konservativ.

  2. GravatarArtur

    A propos technische Neuerfindung der Welt:

  3. GravatarArtur

    Es gibt jetzt übrigens einen neuen Mac:

“Der Prophet des Apfels Ist Apple eine Religion?” kommentieren