Waltz with Bashir
Seit ich vor einigen Wochen auf dem Fantasy Filmfest von Waltz with Bashir gehört und gelesen habe, ihn dort aber leider nicht sehen konnte, musste ich zähneknirschend bis zum Bundesstart warten, um den Film zu sehen. Heute endlich war es soweit und ich kann schon mal eins vorweg sagen:
Diesen Film wird man ganz sicher nicht mehr so schnell los.
Regisseur Ari Folman kondensiert seine Fronterlebnisse als israelischer Soldat im Libanon zu einer traumwandlerischen Irrfahrt durch Wirklichkeit und Imagination, Realität und Irrsinn. Waltz with Bashir ist Dokumentation und Fiktion, visuell absolut beeindruckend umgesetzt in comichaften Bildern, denen man die Bearbeitung am Computer zwar ansieht, die aber nie so leer und beliebig aussehen wie z.b. die Rotoskopien von Richard Linklaters A Scanner Darkly.
Link: www.youtube.com
Basismterial waren zwar auch hier Filmaufnahmen, jedoch wurden diese händisch “abgemalt” und anschließend wieder im Rechner animiert und kunstvoll inszeniert. Insbesondere die Traumsequenzen entfalten eine unwahrscheinliche Kraft und wiegen die in den Interviewpassagen hervortretenden Grenzen dieser Animationstechnik bei Weitem wieder auf.
Der Film entwirft aus streng subjektiver Perspektive ein impressionistisches Erinnerungskaleidoskop, spielt dabei mit Narrationen, die man aus ganz anderen, unverbindlicheren Zusammenhängen kennt: aus Spielfilmen, aus Dokumentationen, aus dem Kino und dem Fernsehen. [...] (FilmDienst)
Dass er als Form dazu eine raue Animation im Stil französischer Comics der achtziger und neunziger Jahre wählt, scheint auf den ersten Blick vor allem eine distanzierende Art der Verfremdung. [...] Gegenüber der Fotografie hat die Zeichnung [aber] auch den Vorteil, später noch abgerufen werden zu können, Zeichnungen kommen nicht aus der Gegenwart, sondern aus der Erinnerung. [...] (epd-Film)
Subtil zitiert Ari Folman Genregrößen wie Apocalypse Now, Full Metall Jacket und Black Hawk Down, taucht seine Bilder in die dunklen Schatten des Film Noir und schafft es dennoch, wie schon ein Jahr zuvor Persepolis, den autobiografischen Charakter zu bewahren. Was könnte man Waltz with Bashir also vorwerfen? Vielleicht die opulent überhöhte Inszenierung seiner Traumsequenzen, den überglatten Strich der Animationen, die hölzerne Mimik der Interviewsequenzen? Ja, ja und ja. Und all das muss letztendlich doch zurücktreten hinter einen wirklich beeindruckenden, bewegenden Film.
Es ist schon im Vorfeld eine Menge über Waltz with Bashir geschrieben und geredet worden und auf Arte gibts darüber hinaus ein Interview mit Regisseur Ari Folman. Ich rate Euch jedoch der Versuchung zu widerstehen und euch den Film ohne Vorabinformationen anzusehen. Ihr werdet danach mit Sicherheit genug Zeit zum lesen haben (wollen).




Find´ich latscho!
7 Kommentare - abonnieren oder Kommentar schreiben
Fuenf Sterne auf der Richter Skala–heiliges Blechle!
um 10:57 Uhr am 10.11.`08
Artur,
wenn man deinem Artikel bis zu “…Film ohne Vorabinformationen anzusehen…” gefolgt ist, dann ist dieser Hinweis ein wenig obsolet nach 5 Seiten Text, einem Video, 4 Poster, Zitaten und Vergleichen..;)
…und uebrigens fuer diejenigen, die The Crying Game noch nicht gesehen haben: Die Frau in dem Film ist ein Mann.
Und 5 Sterne auf der Richter Skala sorgt in der Tat fuer ein ordentliches Erdbeben. Kanns kaum erwarten ins Kino zu gehen…
um 11:55 Uhr am 10.11.`08
Hehe, ja ich weiß, ich scheine mir da zu widersprechen und trotzdem kratze ich gerade einmal an der Oberfläche. Zum Inhalt äußere ich mich nämlich in gerademal einem Satz.
Du wirst verstehen, wenn Du das Ding gesehen hast.
um 12:18 Uhr am 10.11.`08
Bin jetzt umso gespannter…und hoffentlich streckt mich die Erleuchtung nicht komplett nieder.
um 14:04 Uhr am 10.11.`08
Bist ja ein zäher Bursche, keine Sorge.
um 14:09 Uhr am 10.11.`08
Die Frau in The Crying Game ist ein Mann? Skandal!
um 14:23 Uhr am 10.11.`08
Super Rezension, die viel Lust auf mehr macht.
um 23:07 Uhr am 13.11.`08
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